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60jähriges Bestehen des Katholischen Deutschen Frauenbundes Burghausen
 

am 12. Oktober 2013 in Burghausen

Rede von
 
Frau Dr. Barbara Stamm, MdL
 
Präsidentin des Bayerischen Landtags
 


Sehr geehrte Frau Passer [1. Vorsitzende],
 
sehr geehrte Mitglieder des KDFB Burghausen,
 
sehr geehrte Gäste,


zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch zu diesem stolzen Jubiläum:

60 Jahre Katholischer Deutscher Frauenbund – das bedeutet 60 Jahre Katholische

Frauenbewegung in der Kirchengemeinde in Burghausen.
 
Der Katholische Deutsche Frauenbund versteht sich als engagiertes, überparteiliches

Sprachrohr von Frauen in Gesellschaft, Politik und Kirche. Das ist eine starke Stimme

in der Gemeinde und insgesamt an der Nahtstelle von Kirche und Gesellschaft.
 
Beim Katholischen Deutschen Frauenbund engagierten und engagieren sich Frauen,

die bereit sind, öffentliche und kirchliche Verantwortung zu übernehmen. Eingebettet

in die Entwicklung ihrer Zeit haben sie die Handlungsnotwendigkeiten erkannt und sind

mit ihren Initiativen wichtige Wegbegleiterinnen für viele Frauen geworden. Dabei ist

es dem Verband immer gelungen, in der Mitte der Gesellschaft und in der Mitte der Kirche

zu stehen – geführt von dem Leitsatz der Verantwortung vor Gott und dem Menschen.
 
In Bayern war es Ellen Amman, die 1904 den Münchner Zweigverein des Katholischen

Frauenbundes gründete und 1911 den Bayerischen Landesverband des Katholischen

Frauenbundes ins Leben rief. Ellen Amman zog 1919 als eine der ersten weiblichen

Abgeordneten in den Bayerischen Landtag ein und gehörte ihm bis zu ihrem Tod im

Jahr 1932 an. Auch überregional hat es genug Kämpferinnen gegeben, gerade auch

beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft in unserem Land nach dem Zweiten

Weltkrieg. Ich erinnere an Helene Weber, Mitglied der Weimarer Nationalversammlung,

bis 1933 Mitglied im Reichstag und später Mitglied im Deutschen Bundestag; mit

beeindruckender Überzeugungskraft, Sachlichkeit und einer großen Portion Humor hat

sie sich für die Demokratie in Deutschland, für die Sozialarbeit und die Frauenbewegung

eingesetzt. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer charakterisierte sie in seiner

typischen Art einmal so: „Diese Frau hat mehr Politik im kleinen Finger als mancher

Mann in der ganzen Hand.“
 
Frauen wie Helene Weber und viele andere haben ihre Verantwortung in unserem

Gemeinwesen wahrgenommen aus der Überzeugung heraus, dass zum Christ sein

auch das Engagement für die Demokratie gehört – und sie waren Vorbilder für viele

andere Frauen. Sie alle treten mit Leidenschaft für Frieden und Freiheit ein, schützen

und pflegen die Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhält, stellen sich entschlossen

der Ignoranz und dem fahrlässigen Umgang mit der unverfügbaren und unverwechselbaren

Würde des Menschen entgegen.
 
Ihre eigene Geschichte begann am 8.Dezember 1953, als die KDFB in Neustadt-Burghausen

gegründet wurde durch den damaligen Stadtpfarrer Jakobus Prambs und die

Gründungsvorsitzende Elisabeth Deger, die dreizehn Jahre lang den Vorsitz inne hatte.

Es ist wichtig, hin und wieder auf solche Anfänge und Entwicklungen zurückzublicken –

das erweitert den Blickwinkel und gibt vor allem Kraft und Ermutigung für die

anstehenden Herausforderungen.
 
Wo stehen wir heute, wo brauchen wir nach wie vor das Engagement der katholischen Frauen?
 
Natürlich hat sich vieles verändert im Vergleich zu den Anfängen – das wissen Sie,

die sich tagtäglich damit auseinandersetzen, am besten. Ich nenne nur einige Stichpunkte:

Frauen haben im Bildungsbereich enorm aufgeholt, auch im Erwerbsleben sind Fortschritte

zu verzeichnen, wenn auch längst noch nicht das Ziel erreicht ist; die aktuelle Diskussion

um die Frauenquote macht dies mehr als deutlich.
 
Aber trotz all dieser Verbesserungen: An der Art der Arbeitsteilung in der Gesellschaft hat

sich bisher nur wenig geändert, denn die Hierarchien sind, trotz aller zahlenmäßigen

Gleichstellung von Mädchen und Frauen im Bildungssystem, in unserer Gesellschaft

insgesamt nach wie vor eindeutig.
 
Gründe dafür gibt es mehrere, beispielsweise den, dass Frauen nicht über so gute und

effektive Karrierenetze verfügen wie Männer. Deshalb sind Vereinigungen wie der

Katholische Deutsche Frauenbund nicht nur als Bildungs- und Fortbildungseinrichtungen

für uns Frauen von Bedeutung, sondern auch als Möglichkeit, Fraueninteressen gemeinsam

zu artikulieren und durchzusetzen und sich gegenseitig zu helfen – auch in Karrierefragen.
 
Ein weiterer Grund für die Benachteiligung von Frauen im Berufsleben ist das anscheinend

nicht auszurottende Vorurteil, dass Frauen weniger leistungsfähig und leistungsbereit seien

als ihre männlichen Kollegen. Das ist natürlich Unsinn, aber da es noch immer hauptsächlich

Männer sind, die über die Vergabe von freien Stellen entscheiden, bedeutet dies für Frauen

ein ebenso konkretes Problem wie die Befürchtung vieler Arbeitgeber, weibliche Beschäftigte

würden wegen Schwangerschaft und Kindererziehungszeiten zu häufig ausfallen.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass so genannte „Karrierefrauen“ in Deutschland im

Durchschnitt weit weniger Kinder haben als ihre Kolleginnen in Frankreich. Dort bestehen

aufgrund besserer Kinderbetreuungs-Möglichkeiten keine so großen Schwierigkeiten,

Familie und Beruf zu vereinbaren.
 
Das Engagement von Frauen für Frauen und für die Gesellschaft ist nicht nur beim Thema

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sondern in vielen anderen Bereichen unverzichtbar.

Ein ganz wichtiges Feld ist dabei das Ehrenamt.
 
Wo wären wir denn beim Ehrenamt ohne die Frauen? Stellen Sie sich den ländlichen Raum

einmal ohne die Landfrauen vor – das heißt ohne die konkreten Weiterbildungsangebote,

ohne das Engagement in der Familienhilfe, ohne die Dorfverschönerung, ohne die

Kinderbetreuung, ohne die Altenpflege?
 
Und auch die katholische Kirche in ganz Deutschland lebt insbesondere vom ehrenamtlichen

Engagement vieler Frauen in den Verbänden, Pfarreien und auf den unterschiedlichen

Ebenen einer Diözese. Wen verwundert’s: Mehr als zwei Drittel derjenigen, die sich

ehrenamtlich in der Kirche einbringen, sind Frauen. Sie bereiten die Kinder auf die erste

heilige Kommunion vor, auf die Firmkatechese, sie sind bei den Besuchsdiensten im

Krankenhaus und im Altenheim tätig, im Kirchenchor oder in der Bücherei, im Dienst

für das Eine-Welt-Netzwerk und vieles andere mehr.

Warum ist das so wichtig?
 
Dieser ehrenamtliche Dienst, den Sie, liebe Frauen vom KDFB leisten, ist nicht irgendein

Anhängsel zu den Hauptamtlichen. Er ist auch kein Notnagel in Zeiten des Personalmangels.

Ihr Einsatz in der Verkündigung, in der Liturgie und im Dienst am Nächsten zeichnet die Kirche

gerade aus. Er steht für den Reichtum der Kirche: Das sind die Menschen, die sich im Dienst

Jesu einbringen. Unsere Kirche braucht auf der einen Seite die festen und tragfähigen

Strukturen. Aber eine lebendige Kirche braucht auf der anderen Seite diejenigen, die mit ihrem

Tun Orientierung und Halt in schwierigen Zeiten geben. Die Frauen vom Katholischen

Frauenbund gehören dazu. Ob in der Familie, am Arbeitsplatz, im Ehrenamt, in der Politik auf

allen Ebenen – Sie geben mit Worten und Tun den christlichen Glauben weiter. Und sie erreichen

die Menschen, weil sie in ihrem überschaubaren Raum ihnen viel näher sind als die Hauptamtlichen

und Hauptberuflichen in der Kirche. Der KDFB bietet auch Heimat für viele Frauen, die sich aus

ihrer christlichen Überzeugung heraus engagieren wollen. Sie übernehmen Verantwortung und

zeigen Haltung in Zeiten, wo Einiges der Beliebigkeit preisgegeben wird.
 
Für das 60jährige Jubiläum haben Sie als Leitthema „Einander in den Blick nehmen“ gewählt.

Das spiegelt sehr passend das wieder, was die Frauen in der KDFB auszeichnet: den Nächsten

zu sehen, die Augen offen halten, Nöte erkennen, Lücken sehen, die man füllen kann.

„Einander in den Blick nehmen“ – das beinhaltet aktives Tun, sich engagieren, sich für den

anderen und sein Leben zu interessieren.
 
Nun mögen einige von Ihnen denken, das sei doch selbstverständlich. Das ist es nicht.

Es passiert oft genug, dass man entweder die Augen verschließt oder sich bemüht, den

anderen nicht aus den Augen zu verlieren.

Das hat eher etwas mit Beliebigkeit, mit Wegschauen, mit Desinteresse zu tun.
 
„Einander in den Blick nehmen“ ist sehr wichtig, wenn wir die Zukunft gut bewältigen wollen.
 
Was sind die Schwerpunkte in der Zukunft?
 
Bildung – ich werde es nicht müde, es zu wiederholen – ist für mich die soziale Frage

und Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Das betrifft die Bildung vom frühen Kindesalter

bis zur Fort- und Weiterbildung im Berufsleben und später auch im Seniorenalter –

und es betrifft insbesondere auch diejenigen, die wegen Kindererziehung oder Pflege

ihre berufliche Karriere unterbrochen haben.
 
Diese Frauen – noch immer sind es in der Mehrzahl die Frauen – brauchen Fort- und

Weiterbildungsangebote im Hinblick auf einen leichteren Wiedereinstieg in das Berufsleben.

Aber Bildung darf sich nicht allein auf einzelne Zielgruppen konzentrieren; Bildung muss

generationen- und kulturübergreifend stattfinden. Das bedeutet, nicht nur alte und junge

Menschen sowie Frauen und Männer einzubeziehen, sondern auch Menschen aus

unterschiedlichen Kulturen. Im Mittelpunkt muss – aus unserer christlichen Verantwortung

heraus – stets der ganzheitliche Ansatz stehen. Es darf nicht um die alleinige Wissensvermittlung

gehen, sondern der Mensch mit seinen sozialen Bezügen ist der Maßstab. Wir müssen den

Menschen beim Lernprozess dort abholen und einbinden, wo er gerade steht. Das heißt,

dass Kinder mit allen ihren Stärken und Schwächen angenommen und entsprechend

gefördert werden müssen. Das bedeutet auch, dass Bürgerinnen und Bürger aus allen

Schichten und aus unterschiedlichen Kulturen für bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen sind.

Die zweite große Herausforderung der Zukunft liegt für mich in der Pflege, nicht nur weil

die sogenannte Pflegeproblematik besonders die Frauen betrifft, sondern weil es eine zentrale gesellschaftspolitische Herausforderung ist, an deren Lösung wir Frauen uns einbringen müssen.

Angesichts der demographischen Entwicklung, die wir alle kennen, wird die Zahl der zu

Pflegenden in den nächsten Jahren drastisch ansteigen. Dazu brauchen wir unterschiedliche

Pflegekonzepte, um den individuellen Bedürfnissen der zu Pflegenden, aber auch denen der

Angehörigen gerecht zu werden. Das gilt sowohl für die Ballungsgebiete als auch für den

ländlichen Raum; notwendig sind unterschiedliche Ansätze, die ich hier stichwortartig

nennen möchte: Sensibilisierung im Erwerbsleben für die Situation der Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmer, im bürgerschaftlichen Engagement, in der Vernetzungsarbeit zwischen

den unterschiedlichen Angeboten, gesellschaftliche Anerkennung der Pflege, Verbesserung

des Ansehens des Berufsbildes der Pflegekräfte und Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen

(„Pflege der Pflegenden“).

Liebe Frauen vom KDFB Burghausen,

politisches Engagement gehört zum Selbstverständnis des Katholischen Deutschen Frauenbundes

sowohl im politischen als auch im vorpolitischen Raum. Immer wieder hat sich gezeigt, dass Frauen

nicht davor zurückscheuen, den Finger auf die Wunde zu legen; sie bleiben und kämpfen auch,

wenn es schwierig wird; sie suchen die Veränderungen, wenn sie notwendig sind und pflegen

die Traditionen dort, wo sie die Menschen zusammenhalten. Und sie sind beharrlich, wenn es

darum geht, soziale Benachteiligungen auszugleichen und Lebensbedingungen zu verbessern.

So unverzichtbar sie sind, so deutlich sind sie in den Parlamenten und politischen Gremien

unterrepräsentiert. Die Gründe dafür sind vielfältig, wir Frauen kennen sie am besten.

Deshalb: Politische und gesellschaftspolitische Bildungsarbeit für Frauen ist wichtiger denn je,

da sich zunehmend ein Missverhältnis einstellt zwischen dem Bildungs- und Ausbildungsniveau

von Frauen und deren politischem Einfluss.

Von dem englischen Philosophen Herbert Spencer stammt der Satz:

 „Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln.“

Politische Bildung für Frauen heißt deshalb zunächst, Frauen zur aktiven Teilnahme an politischen Entscheidungen und zur Mitwirkung in politischen Gremien zu ermutigen.

Gerade die jüngeren Frauen verkennen oft die Notwendigkeit, weil einiges für sie selbstverständlich

ist, was ihre Mütter mit großem Einsatz erkämpft haben. Solche Defizite aufzufangen und den

Kenntnisstand der Frauen über politische Inhalte und Prozesse zu verbessern, ist die eine wichtige

Aufgabe politischer Bildungsarbeit für Frauen.

Es gehört auch dazu, Frauen zu ermutigen, in Parteien einzutreten, in Gremien mitzuarbeiten

und sich für Wahlen aufstellen zu lassen, denn den Kurs des Schiffes kann nur mitbestimmen,

wer an Bord ist. Nur durch Frauen, die selbst bereit sind, Verantwortung zu übernehmen,

lassen sich gesellschaftliche Änderungen zugunsten der Frauen und damit auch zugunsten

einer menschlicheren Gesellschaft erreichen. Sie als Frauen, die dem KDFB angehören,

leisten hierbei einen höchst schätzenswerten Beitrag.

Ich kann nur hoffen, dass Ihr Engagement für viele, viele Frauen und Familien Vorbildfunktion

hat und viele Frauen sich dadurch ermutigt fühlen, mehr Verantwortungsbereitschaft zu zeigen

nicht nur in der Familie, sondern auch im ehrenamtlichen Bereich, im Beruf und in der Politik.



Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Einsatzbereitschaft und wünsche Ihnen weiterhin

viel Freude, Erfolg und Gottes Segen bei Ihrem Engagement im Katholischen Deutschen

Frauenbund in Burghausen/St. Konrad. Seien Sie weiterhin so interessiert, so engagiert

und pflegen Sie die Gemeinschaft. Das Beieinandersein, Miteinandereden und Zuhören

ist für jede Einzelne und für die Gemeinde insgesamt unverzichtbar!


 

 
 
 


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